Jutta Allmendinger

Frankfurter Rundschau, 2009

Im Porträt: Jutta Allmendinger

»Frauen, lernt Zigarren rauchen«

Man kann Dinge bekanntlich immer so oder so sagen. Besonders in der Wissenschaft. Kann endlos an Formulierungen feilen, damit sie am Ende sehr ausgewogen, sehr lang und manchmal auch sehr langweilig sind. Man kann aber auch Sätze sagen wie: „Wir haben ein echtes Männerproblem.“ Oder: „Frauen, lernt Zigarren rauchen und setzt euch zu den Männern!“ Oder: „Der Heiratsmarkt ist für Frauen immer noch lukrativer als der Arbeitsmarkt.“ So ist Jutta Allmendinger. In drei von vier Fällen kommt sie spät, sehr spät, irgendwohin, wo sie längst erwartet wird. Mit wehendem Mantel, wehenden Haaren; raumgreifend, präsent, noch bevor sie einen Ton von sich gegeben hat.

Die hoch gewachsene Sozialwissenschaftlerin stellt sich nicht einfach auf ein Podium. Sie erobert es. Wenn sie zu reden beginnt, sieht es immer so aus, als würde sie ein kleines bisschen triumphieren. Über sich selbst? Über ihre Vorredner? Über ihre politischen Gegner, von denen es immer mehr als nur einen gab?

Lieblingsthema Bildungsarmut

Fest steht: Jutta Allmendinger redet ihr Publikum schon wieder wach, egal wo sie es antrifft. Immer in Kontakt mit ihren Zuhörern, nie nur als Sozialwissenschaftlerin, sondern auch als Privatmensch. Nie kommentiert die 52-Jährige das deutsche Wissenschaftssystem – die massenhafte Flucht aus und die fehlende Gleichberechtigung in ihm – ohne aus ihrem Leben zu erzählen. Wie ihr Harvard-Professor sie persönlich vom Flughafen abholte. Ihr Bedingungen bot, die sich nicht nach Harvard richteten. Sondern nach Allmendinger. Brauchte sie etwas? Kinderbetreuung vielleicht? Brauchte sie damals noch nicht – als in Deutschland sozialisierte Wissenschaftlerin bekam auch Jutta Allmendinger erst ein Kind, als die Professur erreicht und die Zukunft gesichert war.

Aber, fügt sie an dieser Stelle dann regelmäßig hinzu, „glauben Sie nicht, dass Herr Gerster oder Herr Markschies mich das später je gefragt haben!“ Florian Gerster saß der späteren Leiterin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) als Chef der Bundesanstalt für Arbeit vor. Christoph Markschies ist Präsident der Humboldt-Universität, an der die Professorin Allmendinger lehrt.

Erzählen tut sie all das nicht, weil sie so gern aus dem Nähkästchen plaudert. Sondern weil es viel über ihr liebstes Thema sagt: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Gleichberechtigung von Frauen. Dafür tat sie sich im vergangenen Jahr sogar mit der wenig wissenschaftsverdächtigen Frauenzeitschrift Brigitte zusammen: als Autorin der in der Öffentlichkeit wohl meist beachteten Studie ihrer Karriere. Schon der Titel beschreibt, worum es geht – um den Aufstiegswillen ihrer Geschlechtsgenossinnen: „Frauen auf dem Sprung!“

So werden wohl selbst ihre Gegner heute anerkennen müssen: Den Communicator-Preis, den Jutta Allmendinger – als erste Frau! – bekommt, nimmt die Richtige in Empfang. Kommunizieren, das kann sie. Meist streitbar. Vielen zu forsch. Aber immer auf den Punkt. Und selten ungehört. So wie es ihr bis 2007 gelang, sich aus dem Wissenschafts-Institut der damals noch völlig verstaubten Bundesanstalt für Arbeit Gehör zu verschaffen, so gelingt es ihr auch als Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB).

Allmendingers Lieblingsthema Nummer zwei: Bildungsarmut

Dass sich das IAB unter ihrer Leitung vorbildlich entwickelte, bescheinigte Allmendinger sogar ein Gutachten des Wissenschaftsrates. Und auch über das WZB – das nach dem Tod Ralf Dahrendorfs in diesen Tagen seinen prominentesten Denker betrauert – ist seit ihrem Antritt nicht mehr nur Lexikon-Verfassern als größtes sozialwissenschaftliches Institut Europas bekannt. Auch in der Öffentlichkeit meldet es sich zu Wort: Ob zu Finanzkrise und Konjunkturpaket oder zu Hartz IV und prekären Arbeitsverhältnissen. Immer wieder zur ungleichen Verteilung der Bildungschancen.

Allmendingers Lieblingsthema Nummer zwei hat nämlich mit Führung und Frauen gar nichts zu tun: Bildungsarmut. Im Jahr acht nach Pisa könnte man meinen, da beklage eben nun noch eine plötzlich auf jeder Veranstaltung den engen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung. Stimmt aber nicht. Jutta Allmendinger kann sich freuen, dass ihr endlich jemand zuhört.

Den Begriff Bildungsarmut hat in Deutschland nämlich nicht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geprägt. Sondern sie, und zwar im vergangenen Jahrtausend. Damals, als man noch dachte, es sei halt so, dass die einen in der Schule mitkommen und die anderen nicht. Das größte Verdienst von Pisa, sagte die WZB-Präsidentin der FR bei ihrem Amtsantritt, sei gar nicht, dass nun jeder weiß, wie schwer es Kinder je nach Herkunft in der Schule haben. Sondern dass ein Blick in alle Himmelsrichtungen zeigt: Das muss nicht sein.

ZUR PERSON:

Professorin Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Mitglied des Wissenschaftsrats und lehrt an der Humboldt-Universität. Bis 2007 leitete sie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Die heute 52-jährige Soziologin promovierte in Harvard.

Mit dem Communicator-Preis zeichnen die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Stifterverband Deutsche Wissenschaft Wissenschaftler für die gelungene öffentliche Vermittlung gesellschaftlich relevanter Themen aus. Den mit 50.000 Euro dotierten Preis erhält Allmendinger am Dienstag.