Besuch in Nordkorea
Spiegel Online, 2009
Freitags fegen Kims Beamte die Straßen
Das Land wird von einem Toten regiert: Wer nach Nordkorea reist, trifft überall auf Statuen und Bilder von Kim Il Sung, der zum „ewigen Präsidenten“ erklärt wurde. Und sein Sohn Kim Jong Il? Nachfragen lohnen die Mühe nicht - es darf sowieso niemand mit Besuchern sprechen.
Keine Einreise ohne Durchsuchung. Jedes Buch, jedes Stück Papier wird von dem Zöllner hin und her gewendet. Ob der junge Mann mit dem schmalen Gesicht und dem Adlerblick Deutsch oder Englisch lesen kann, bleibt unklar. Fest steht: Hier soll sichergestellt werden, dass die Menschen im Land mit Besuchern weder sprechen noch von ihnen Informationen erhalten. Und auch nicht mit deren Hilfe telefonieren: Wer zur Einreise nach Nordkorea sein Handy mitbringt, lässt es für die Dauer seines Aufenthaltes am Flughafen.
Willkommen in Pjöngjang, der Hauptstadt eines Landes, das Ausländer – anders als häufig kolportiert wird – zwar besuchen dürfen. In dem sie aber nichts zu sehen bekommen, was sie nicht sehen sollen.
Schon am Flughafen werden die Gäste von zwei Reisebegleitern in Empfang genommen: Herrn Kim und Herrn Ri, beide tadellos gekleidet, beide ausgesprochen freundlich: „Herzlich Willkommen, wir hoffen Sie hatten eine gute Reise. Wir werden in der nächsten Woche für Sie da sein.“ Der letzte Satz ist ein Euphemismus. Er bedeutet: „Bis zu Ihrer Ausreise werden wir Sie nur beim Schlafen nicht beobachten.“ Ohne seine Reiseleiter darf der Besucher Nordkoreas nicht einmal für einen Spaziergang nach dem Mittagessen das Hotelgelände verlassen.
Das einzige Land, das von einem Toten regiert wird
Man sieht also nur, was man sehen soll. Das sind vor allem Orte, die vom Leben und Sterben des 1998 per Verfassungsänderung zum „ewigen Präsidenten“ erklärten Kim Il Sung zeugen: Geburtshaus, Schule, Palast, Mausoleum. Nicht nur auf dem Papier ist Nordkorea das einzige Land weltweit, das von einem Toten regiert wird. Auch im Straßenbild, in den Zeitungen, in den öffentlichen Gebäuden ist der 1994 Verstorbene – der hier auch „Ewige Sonne der Menschheit“ genannt wird – allerorten präsent. Seinem Sohn und amtierenden Generalsekretär Kim Jong Il begegnet man nahezu nirgends. Es ist, als gäbe es ihn gar nicht.
Der wohl beeindruckendste Beweis des staatlich verordneten Monotheismus ist die Kim-Il-Sung-Bronzestatue in Pjöngjang. Aus 22 Metern Höhe blickt der „Große Führer“ hier auf sein Volk herab – während mehr als 20 Nordkoreaner damit beschäftigt sind, ihn zu polieren. Sie tragen blaue Uniformen, wie die Chinesen zur Zeit Maos.
Es ist Freitag, erklären Herr Ri und Herr Kim, da arbeiteten die Beamten in Nordkorea nicht an ihrem Schreibtisch. „Sie machen die Stadt sauber und schöner und dienen so dem Volk.“ Andere sind als Betriebsausflug unterwegs. Frauen in leuchtenden Seidenkleidern. Männer in gebügelten Hosen. Schüler und Studierende in blau-weißen Uniformen. Jede Menge Soldaten. In militärischer Disziplin schreiten Großgruppen nacheinander zu der Statue. Sie verbeugen sich und legen Blumen nieder; lachsfarbene Orchideen. In der Botanik – das ist kein Scherz – tragen sie den Namen Kimilsungia.
Herauszufinden, ob die Menschen die ständige demonstrative Verehrung des „Großen Führers„ ernst meinen, ist wohl die größte Herausforderung in Nordkorea. Sie ist zum Scheitern verurteilt. Für Touristen, weil sie mit niemandem außer ihren Reiseleitern sprechen dürfen. Aber auch für im Land arbeitende Ausländer, selbst für Nordkoreaner. Der Geheimdienst hört immer mit. Im Hotelzimmer und öffentlichen Räumen sowieso. Aber auch sonst. Mitarbeiter internationaler Organisationen gehen davon aus, dass jeder dritte Nordkoreaner ein Spitzel ist.
Tatsächlich sieht man die Menschen in Pjöngjang paarweise oder in Gruppen zur Arbeit laufen, radeln oder an Bushaltestellen stehen. Quatschende Studenten, tratschende Senioren oder streitende Familien sieht man nie. Ebenso sind Herr Kim und Herr Ri nicht zu zweit, um sich Gesellschaft zu leisten. Sie passen aufeinander auf.
Auch Nordkoreaner, die für eine Weile das Land verlassen, meist Wissenschaftler, dürfen nur zu zweit raus. Wird der eine in Kiel oder Berlin dann zum Geburtstag des Professors eingeladen und der andere nicht, kommt keiner von beiden. Die wenigen Deutschen in Pjöngjang - Mitarbeiter der Welthungerhilfe und der Vereinten Nationen, der Deutschen Botschaft, des Goethe-Instituts und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes - dürfen sich ebenfalls nicht frei bewegen. Sie leben und arbeiten in einem Viertel, das gewöhnliche Nordkoreaner nicht betreten dürfen. Wollen sie Pjöngjang verlassen, brauchen sie eine Genehmigung - und die bekommen sie nur, wenn es einen triftigen Grund gibt. Und: Jeder Ausländer hat einen „Counterpart“ – einen Kollegen, der mit ihm arbeitet, ihn aber auch unter Kontrolle hat.
Keine Zweifel an der Treue zum Regime
Private Kontakte zu diesem Kollegen oder auch zu irgendwelchen anderen Menschen sind tabu: Auch nach Jahren im Land haben die Mitarbeiter internationaler Organisationen meist noch keine nordkoreanische Wohnung von innen gesehen. Sie wissen nicht, ob es Heizungen und warmes Wasser gibt und auch nicht, ob ein Fahrstuhl in den 22. Stock fährt. So bleibt nur der Kontakt zu denen, die einen ohnehin begleiten: Herr Kim, Mitte 30 und professioneller Reiseleiter, ist mit einer Ärztin verheiratet und Vater von zwei Kindern. Herr Ri, 24, Germanistik-Student an der – natürlich! – Kim-Il-Sung-Universität, macht zurzeit ein Praktikum beim staatlichen Reisedienst. Gebildete Menschen sind sie, Humor haben sie, debattieren können sie auch. Solange es um die Europäische Union, den Zweiten Weltkrieg oder die deutsche Vereinigung geht, lässt sich mit ihnen herrlich diskutieren.
Zweifel an ihrer unverbrüchlichen Treue zum Regime lassen sie allerdings nicht für eine Sekunde aufkommen. Nicht einmal, als man Herrn Ri für eine ganze Stunde alleine erwischt. Ob er ein Land, das seinen Bürgern weder Meinungs- noch Presse- noch sonst irgendeine Freiheit erlaube, ernsthaft verteidigen wolle? „Wir haben eine Idee, wie wir zu einer besseren Welt kommen,“ lächelt er einen da an, „deswegen haben wir uns Regeln gegeben. Sie sind wie Verkehrsregeln. Sie machen unser Leben praktischer. Sie haben doch auch Verkehrsregeln, oder?“.