Jugendarmut

DAK 2007

»Hey, Mama, gibt mir mal Geld«

Im Jugendclub „Arche“ in Berlin ist fast alles umsonst – sogar das Essen. Jacky kommt jeden Tag her.

Hellersdorf ist da, wo Berlin fast schon aufhört. Die Häuser sind hoch, ein Eingang sieht aus wie der andere. Manche sind saniert, dann sind sie bunt. Andere sind grau und ein bisschen grün vom Moos im Beton. „Das hier ist voll das Ghetto“, sagen Jugendliche, die hier wohnen. Woran man das erkennt? „An den Typen. Ein falsches Wort, und sie schlagen.“ Nicht alle, natürlich. Längst nicht alle. Aber das Leben ist rau hier. Jeder fünfte ist arbeitslos, jede dritte Mutter erzieht ihre Kinder allein. In kaum einem anderen Bezirk verlassen so viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss.

Montag mittag. Schulschluss. In kleinen Gruppen ziehen Jungen und Mädchen auf ein Betongebäude zu, an dem „Arche“ steht – mit Ranzen auf dem Rücken, Beuteln unterm Arm, einer kickt eine leere Bierflasche vor sich her. Sie laufen über einen Hof, biegen rechts um die Ecke, laufen eine Treppe abwärts und verschwinden in einem Keller. Von da hört man fröhliche Stimmen. Es riecht nach Essen. Sie stellen sich in eine Schlange. Einen Moment später reicht ihnen ein Koch einen Teller mit Schnitzel, Möhren, Kartoffeln und einen Schoko-Pudding als Nachtisch. „Guten Appetit“, sagt er, „lasst es Euch schmecken.“ Das Essen ist umsonst. Die „Arche“ betreibt eine Suppenküche. Was hier aus dem Kochtopf kommt, hat irgend jemand gespendet. Eigentlich denkt man, wenn man das hört, an Obdachlose. Aber an den Tischen in der „Arche“ sitzen Jugendliche und Kinder.

Wie Jacky. Sie ist älter als die meisten hier, schon 19. Sie hat ihr Haar zu Zöpfen gebunden und trägt ein knallblaues Tuch um die Stirn. Seit sie 16 ist, kommt sie fast jeden Tag her. Nicht nur, weil das Essen umsonst ist. Jacky kommt, weil ihre Freunde hier sind. Die „Arche“ ist ihr zweites Zuhause. Jetzt ist sie erstmal weg, um ihren Freundinnen von ihrer Englischprüfung zu erzählen und von den Klassenarbeiten, die in den nächsten Tagen noch kommen. Sie macht gerade den Realschul-Abschluss nach, dann die Erzieher-Oberschule zu besuchen.

Jackys Mutter ist arbeitslos. Schon lange. Der Vater auch - „der sucht wenigstens noch“, sagt Jacky. Er ist Fernfahrer, wenn er Arbeit hätte, wäre er ständig unterwegs. Sie hat vier Geschwister, der jüngste ist sieben, und teilt das Zimmer mit ihrer 14-jährigen Schwester. „Die lässt mich in Ruhe“, sagt sie, „Wenn ich sag: Mach den Fernseher leiser, dann tut sie das.“ So kommen sie ganz gut miteinander klar. Vielleicht auch deshalb, weil Jacky einfach nicht viel da ist. Sie geht morgens zur Schule, dann in die Arche, ißt da und bleibt, bis der Jugendclub zu macht.

„Du solltest erleben, wie das ist, wenn die abends um acht hier schließen“, sagt Jacky. Oft will irgendwer nicht gehen, sondern lieber hier schlafen. „Die Kinder haben zu Hause totalen Stress“, erzählt sie. „Keiner ist für sie da, keiner kümmert sich, weil die Familienmitglieder so mit sich selbst beschäftigt sind. Andere wollen nicht nach Hause, weil sie Angst haben, dass was passiert.“ In der Arche, sagt Jacky, fühlen sich die Kinder sicher und geborgen - weil sie hier jemanden haben, der sie in den Arm nimmt, und dem sie alles erzählen können. Man spürt: Jacky weiß, wovon sie spricht.

Als sie vor drei Jahren in die Arche kam, war sie auch ziemlich am Ende. „Meine Familie hat mich fertig gemacht, ich wollte nicht mehr, ich sah überhaupt keinen Sinn in meinem Leben“, sagt sie. Was damals los war? Private Dinge, sie will nicht drüber reden, nur so viel: Sie ist viermal umgezogen in der Zeit. Am liebsten hätte sie ihren Rucksack gepackt und wäre verschwunden. Wohin? „Keine Ahnung, einfach weg!“ Zuhause mochte sie nicht sein. Aber immer im Hof zu sitzen ging auch nicht. Sie fragte ihre Freundin, ob die nicht eine Idee hätte – und vielleicht einen Jugendclub wüsste, einen Ort, wo sie neue Freunde finden könnte. So kam sie in die Arche. Dort lief ihr als erstes Bernd Siggelkow, der Leiter der Einrichtung, über den Weg. „Er kommt rein, umarmt mich und fragt mich, wer ich bin – das fand ich voll gut. Ich bin das nicht gewöhnt, so aufgenommen zu werden.“

„Mir sah jeder an, dass es mir schlecht ging“, erzählt Jacky. „Die Leute hier haben gefragt: Warum guckst du so traurig.“ Sie konnte erzählen. „Soll ich für dich beten?“, fragte eine, der sie sich anvertraute. „Ich wusste nicht, wie das geht. Aber ein paar Tage später habe ich gespürt: Es gibt jemanden, der mich so liebt, wie ich bin – egal, was die anderen sagen – Gott.“ Von da an ging es ihr besser. Sie hat jetzt einen Ort, wo sie hingehen kann. Freunde. Und das Gefühl, dass sie nie mehr ganz allein sein wird, weil sie etwas hat, woran sie glaubt. „Ich bin jetzt happy“, sagt Jacky, „und das sieht man.“

Dazu beigetragen hat auch, dass sie hier ein Praktikum machen konnte. Nach der 10. Klasse hatte sie vergeblich versucht, eine Lehrstelle zu finden. Als andere schon mit ihrer Ausbildung begannen, stand sie noch auch der Straße. Da bot ihr Bernd Siggelkow an, im Kleinkinderbereich als Praktikantin zu arbeiten. Jacky schlug ein – und merkte: Ich kann das, und das ist der Beruf, den ich möchte.

Das Gute an der Arche ist: Hier was zu machen kostet nichts. Eistee, Tee und Wasser gibt´s umsonst – und so ein schönes kaltes Glas Milch mit Strohhalm auch. Und hier ist immer was los. Nach dem Essen gibt es Workshops, Gruppen, Aktivitäten: Theater, Musik, Spiele, Gespräche. 24 festangestellte Erwachsene sind für die Kinder und Jugendlichen da, außerdem rund 30 Ein-Euro-Jobber. Nur ein kleiner Teil wird über Steuern bezahlt, das meiste von Spenden.

Nicht alle, die hier herkommen, sind arm. „Aber wir fragen nicht“, sagt Tabea Drechsel, die im Jugendbereich arbeitet, „Armut ist ein Thema, über das niemand gerne redet. Die meisten gehen eher ein bisschen verschämt damit um. Außerdem ist noch längst nicht gesagt, dass Eltern, die Geld haben, auch für ihre Kinder sorgen. Wenn das Essen hier was kosten würde, würden etliche nicht kommen - und wir finden, dass jede und jeder eine warme Mahlzeit haben soll – egal, ob die Eltern reich sind oder arm, und ob sie sich kümmern oder nicht.“ Pro Tag gehen 250 bis 300 Essen über den Tresen, für viele die einzige richtige Mahlzeit am Tag.

Ist es für Jackys Eltern schwer, durch den Monat zu kommen? „Nicht sehr“, sagt sie, „wir schaffen das. Ich bin auch nicht so der Typ, der unbedingt immer was kaufen muss. Ich bin ganz sparsam.“ Was würde ihr auch anderes übrigbleiben? Schülerjobs sind rar, da wo sie wohnt. Und immer wieder kommt es vor, dass Jugendliche auf ihren Lohn lange warten oder ihn gar nicht ausgezahlt kriegen. „Nein, ich bin zufrieden mit dem, was ich hab.“ Das heißt: Sie richtet sich irgendwie ein? „Genau! Ich bin zwar gerne unter vielen Leuten. Aber ich muss nicht jeden Tag etwas unternehmen. Ab und zu gehen wir ins Kino, in den Tierpark, zum Schwimmen. Aber wenn jemand gerade kein Geld hat, dann verschieben wir das.“ Wobei: Es kommt nicht oft vor, dass jemand sagt, dass er kein Geld hat. Stattdessen heißt es dann: Ich hab keine Lust.

Jetzt sitzt sie im Night-Café, dem Jugendbereich in der Arche, hört Musik, zieht an ihrem Strohhalm. Immer mehr Leute kommen. Eine lustige Truppe. Sieht man, ob jemand hier Geld hat oder nicht? Jacky meint: Nein. Okay, Markenklamotten sind selten. Keinen würde man so für einen Werbeprospekt fotografieren. Aber die meisten haben einen eigenen, spannenden Stil. Eine trägt eine gepiercte Basecap. Eine andere ultra-sommer-kurze Röcke. Eine hat sich Muscheln um den Hals gebunden. Bei einem Jungen hängt die Kapuze vom Pulli über dem Kragen von einem Sakko. Manche haben sich in der „Schatzkammer“ der Arche ein paar Sachen ausgesucht. Das ist eine Kleiderkammer, alles ist umsonst. Oft gibt es da sogar richtig neue Kleidung, die Firmen für die Kinder und Jugendlichen spenden. Auch die sind umsonst.

Das Thema Geld ist bei Jacky und ihren Freundinnen Tabu. „Wir reden nicht drüber“, sagt Jacky. Auch nicht darüber, wer zu Hause was hat. Und nicht über die Berufe der Eltern. Oder darüber, wer arbeitslos ist. „Man bekommt nur schlechte Laune, wenn man darüber nachdenkt“, sagt Jacky. „Also klammern wir das aus.“ Und wenn sie wirklich was braucht? „Dann gehe ich zu meiner Mutter und sage: gib mir mal Geld - und dann bekomme ich das auch.“ Wieviel? „Genug.“ Und jetzt kein Wort mehr darüber. Es gibt Wichtigeres. „Jeder Mensch“, sagt Jacky, „ist etwas ganz Besonderes und man sollte ihn so nehmen, wie er ist. Man sollte nicht nach dem Aussehen gehen, sondern nach dem Herzen. Es ist krass, wie Leute wegen ihres Aussehens fertig gemacht werden. Ich spreche aus Erfahrung.“

Eine Mitarbeiterin kommt rein und stellt ein Tablett den Tisch. Kuchen. Viktoria, Streuselschnecken, Eclair. Ratzfatz sind sie weg. War lecker. Eine Spende von einem Bäckerei. Kurz drauf fängt die Theatergruppe an. Ihr Stück heißt: „Mein Leben ist sinnlos“. Es erzählt von einem Mädchen, das Leonie heißt. Ihre Mutter macht sie total fertig. Sie sagt ihr, dass sie ein Nichts ist. Doch dann kommt eine Freundin und muntert sie auf. Und plötzlich ist sie wie ausgewechselt. Jacky und ihre Freunde haben das Stück selbst geschrieben, am Freitag ist Premiere. Sie wollen anderen Mut machen - so, wie sie neuen Mut gefunden haben.

Jacky, eine Frage noch! Wenn du König von Deutschland wärst - was würdest du tun? „Ich würde dafür sorgen, dass nicht einige ganz viel schuften und ganz wenig verdienen, und andere nur drei Stunden arbeiten und trotzdem reich sind. Und dass die armen Leute mehr Geld bekommen, um durch den Monat zu kommen. Und das die Reichen auch mal was spenden und merken: Ich kann auch geben.“

Die Arche

Die Arche ist ein christliches Kinder und Jugendwerk. Es wurde 1995 in Berlin gegründet und will Kinder und Jugendliche von der Straße holen. In Berlin-Hellersdorf betreut die Arche täglich mehr als 200 Kinder und Jugendliche zwischen drei und 19 Jahren. Daneben gibt es eine Arche in Berlin Mitte und sei Ende 2005 auch in Hamburg. Die Projekte werden zu 95 Prozent durch Spenden finanziert. www.kinderprojekt-arche.de

Gibt es Arme in Deutschland?

Arm – das sind Menschen, die Hunger leiden, die keine Kleider haben, kein sauberes Wasser, kein Dach über dem Kopf. Die leben irgendwo ganz weit weg. Und nicht im reichen Deutschland. Oder? Nein, das stimmt nicht. Es gibt auch Arme in Deutschland. Nur dass Armut bei uns ein anderes Gesicht hat.

Wer ist arm?

Als arm gilt, wer nur weniger als die Hälfte des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens hat. Dabei wird berücksichtigt, ob jemand alleine oder in einer Familie lebt – und auch, wie alt die Kinder sind, die er oder sie zu versorgen hat. Ungefähr elf Prozent der Menschen in Deutschland sind nach dieser Definition arm.

Einer von sieben Jungen und Mädchen unter 18 ist arm.

Manche Menschen sind arm, obwohl sie arbeiten – weil sie für ihre Arbeit schlecht bezahlt werden, weil sie nur teilzeit arbeiten oder weil andere mit ernähren müssen. Auch wer von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld II lebt, ist arm. Er oder sie kann sich nicht mehr ohne fremde Hilfe versorgen. Das trifft auf 3,3 Prozent der Deutschen zu – 2,76 Millionen Menschen. Und es gibt noch einmal so viele Menschen, die zwar Anspruch auf Unterstützung haben, diese aber nicht beantragen. Rechnet man die dazu, sind etwa sieben Prozent der Deutschen betroffen.
Einer von 14 Jungen und Mädchen unter 18 wächst mit Sozialhilfe auf. Das sind etwa eine Million Kinder und Jugendliche.

Kann man Armut sehen?

Oft nicht. Viele Eltern sparen lieber an sich selbst, an Urlaub und Essen, als ihren Kindern zuzumuten, in der Schule und unter Freunden nicht mithalten zu können. Oder sie kaufen ihnen Marken-Klamotten, Handys und MP3-Player auf Pump. Und: Viele Jugendlichen suchen sich Ferienjobs, um sich ihre Wünsche zu erfüllen.

Welche Folgen hat Armut?

Die Statistik zeigt: Kinder aus armen Familien sind öfter krank, machen weniger Sport, haben viel schlechtere Chancen auf einen guten Schulabschluss als Kinder aus reichen Familien – auf´s Gymnasium gehen zum Beispiel 2,6 mal mehr Kinder aus der oberen Schicht als Arbeiterkinder. Auch die Seele leidet. 16 Prozent der armen Kinder fühlen sich oft einsam - aber nur 9 Prozent der nicht-armen Kinder.

Mehr zum Thema Armut findest Du auf der Homepage www.schaunichtweg.de vom Jugendrotkreuz, von der auch die oben genannten Zahlen stammen.